UWE Geschichtenwettbewerb: Der geheimnisvolle Gang

Eine weitere Geschichte ist in der Romantikland-Redaktion eingetroffen. Diese ist von Tim H. aus Duisburg

„Der geheimnisvolle Gang“

Uwe, die Smaragdeidechse, sonnte sich, wie so oft, wenn es schön warm war, auf einer Mauer. Es war aber nicht irgendeine Mauer, auf die er gestiegen war. Hatte er sich doch auf die Befestigungsmauer der größten, erhaltenden Burgruine Deutschlands, auf Burg Rheinfels, gelegt. Der Ausblick über das Rheintal war phänomenal für ihn. Einfach toll, wie weit es sich für Uwe schauen ließ. Oftmals kam er sich hier oben wie der König höchstpersönlich vor. Nur auf das andere Ufer des Rheins bei St. Goarshausen schaute er mit etwas Wehmut und Traurigkeit, vermutete er doch seine Freunde Günther, die Langohrfledermaus, und Wilhelmine, die Würfelnatter, auf der anderen Rheinseite. Beide hatte Uwe seit fünf Tagen nicht mehr gesehen.

Ja, Günther und Wilhelmine waren tatsächlich auf die andere Seite des Rheins gelangt. Nur wie das passierte, war sehr abenteuerlich für sie.
Bereits zu Beginn der Woche lockte die Sonne viele Besucher aus aller Welt nach St. Goar. Die zahlreichen Menschen waren ganz angetan vom kleinen Paradies links und rechts des Rheins und niemand hatte Augen für eine Langohrfledermaus und eine Würfelnatter. So beschlossen die beiden Freunde, sich heimlich auf die Fähre zu schleichen. Hier waren sie noch nie. So viel Stahl und der Geruch von Diesel lag in der Luft.
Etwas unheimlich fühlten sie sich schon, aber die Abenteuerlust trieb sie auf die Fähre. Die Fähre machte sich auf den Weg zur anderen Rheinseite und die beiden Abenteurer huschten durch die vielen Beine der Fahrgäste. Zum Glück blieben sie unentdeckt. An einem ruhigen Ort unterhalb der Treppe zum Kapitän hielten sie Ausschau. Oh je! Was haben sie da gemacht? Überall war Wasser. Angst schlich in ihnen auf. Hui, wie die Fähre in den Wellen auf und ab wog. Wilhelmine ging es gar nicht gut. Das Schaukeln trieb ihr die ohnehin schon grüne Farbe noch mehr ins Gesicht. Es wurde ihr ganz schwindelig. Günther fühlte sich auch sichtlich unwohl, aber er kümmerte sich rührend um seine Freundin.
Als die Fähre anlag und das dumpfe Geräusch der Fahrrampe in ihre Ohren fuhr, beschlossen beide niemals mehr auf dieses Ding zu steigen. Nur, sie waren jetzt auf der anderen Seite und getrennt von ihren Freunden. Beide flüchteten erstmal schnell von der Fähre weg auf einen Steig hinauf. Völlig außer Atem kamen Sie an einem Burgtor zum Stehen.
Ja, so schnell waren sie gelaufen, dass Burg Katz nun vor ihnen lag.
Sie richteten sich auf und schnappten nach Luft. Hier waren sie noch nie und sie kannten sich nicht aus. Verängstigt suchten sie sich ein schattiges Plätzchen und schauten voller Sehnsucht über den Rhein auf die andere Seite. Welch ein toller Ausblick es doch nahe der Loreley hier war. So hatten die beiden Freunde ihre Heimat noch nie gesehen.
Sie waren fasziniert, als plötzlich etwas Helles in ihren Augen funkelte. „Huch, was war das?“ fragte Wilhelmine und beide konnten sich diese Frage nicht beantwortet. „Da schon wieder!“ sagte Günther. „Was ist das denn?“ grübelte Wilhelmine von etwas geblendet.
Günther überlegte kurz und ahnte, was da so blendete, denn er kannte nur eins, das derart in der Sonne funkelt.
Er lächelte Wilhelmine an und sagte, dass Uwe bestimmt wieder auf der Mauer liegt und sich sonnt.
Beide waren dennoch verzweifelt. Wie sollten sie nur wieder auf die andere Seite gelangen? Die Angst und die Sorge vor der Fähre waren zu groß.

Auf der anderen Rheinseite drehte sich Uwe auf der Mauer gemütlich hin und her. Er ließ es sich weiterhin gut gehen. Bis, ja bis Ben vorbeikam. Ein aufgedrehter Siebenschäfer, der einfach nie zur Ruhe kam. Uwe richtete sich langsam auf und seine Schuppen reflektierten in der warmen Sonne. Es war so hell, dass selbst Ben ihn fragte, ob man sich vor der Helligkeit schützen kann. Ben plauderte ohne Punkt und Komma mit Uwe. Für Uwe war dies eine willkommene Ablenkung von den Sorgen, die er sich um seine engen Freunde Wilhelmine und Günther machte. Ben erzählte lange von seiner Leidenschaft, dem Kochen für Freunde. Er ist ein wunderbarer Koch und sammelt immer neue Eindrücke von der Region, um leckere Schlemmereien für seine Freunde zu zaubern. Sie lieben seine Kochkünste und sind jedes Mal überrascht und gespannt, was er sich Neues einfallen lässt. Um an weitere Ideen zu kommen, wagt sich Ben schon mal auf das Glasdach des Schloss-Restaurants und begutachtet stundenlang die genussvoll dekorierten Teller der Gäste. Bislang wurde er noch nie entdeckt, da alle Gäste begeistert von der verglasten Terrasse auf das Rheintal blicken und sich die Sage der Loreley erzählen. Eins hatte Ben sehr schnell gelernt: so glücklich wie die Gäste möchte er auch seine Freunde sehen und machen.
Während sich Uwe in der Sonne hin und her drehte, erzählte ihm Ben von einem Geheimgang auf der Burg, den noch nie jemand gesehen habe und über den er viele Zutaten und Leckereien für seine Rezepte besorge. Ja, und wenn Sommer ist und der Rhein nicht so viel Wasser führt, dann kann man durch den Gang bis auf die andere Seite des Rheins gelangen. Zweimal hätte er dies schon gewagt. Denn die Beeren auf der Seite von St. Goarshausen sind einzigartig und schön süß im Geschmack.
In Uwe schlich langsam ein großer Hunger auf, denn er liebte Beeren über alles. Beide beschlossen, zusammen zum anderen Ufer zu gelangen, um frische Beeren zu pflücken. Sie schlichen über die Burgmauer bis hin zum geheimnisvollen Eingang am Burgturm. Uwe hatte etwas Sorge, wußte er doch nicht, was ihn nun erwarten würde, aber eine stolze Smaragdeidechse wie er lässt sich keine Angst anmerken.

Wilhelmine und Günther sahen auf der anderen Seite, wie sich der smaragdfarbende Körper von Uwe bewegte und Günther kam plötzlich auf eine tolle Idee. „Du Wilhelmine“, flüsterte er, „hat uns Ben nicht mal erzählt, dass er immer die Beeren für uns hier auf dieser Seite holt?“ -„Jaaa!“, erwiderte Wilhelmine, „dass stimmt, aber wie macht er das denn?!? Er kann doch gar kein Schiff fahren?“ erwiderte sie besorgt.
„Ich glaube, ich habe eine Idee, er hat mir da mal etwas Geheimnisvolles erzählt“ sagte Günther. „Komm mit!“ rief er. Sie rannten schnell den Weg hinab ins Tal und Günther ahnte, dass unterhalb der alten Anlegestelle der Fähre ein geheimer und unbekannter Tunnel auf die andere Seite des Rheins führen sollte.
Endlich angekommen sagte Wilhelmine: „NEIN, ich gehe auf keine Fähre mehr! Ich habe Angst!“ „Du brauchst keine Angst haben, wir fahren nicht mehr mit der Fähre.“ beruhigte Günther seine Freundin. „Such bitte etwas Auffälliges, was nach einem Tunneleingang oder so ähnlich aussieht.“ Beide liefen und krochen das Ufer des Rheins ab, es war zum Verzweifeln. So warm brannte die Sonne auf sie nieder.

Ben und Uwe hatten den Eingang des Tunnels längst hinter sich gelassen und waren in den dunklen Gang hinabgestiegen….Ganz schön gruselig, dachte Uwe. War er doch nicht ganz so gerne an so unheimlichen Orten.
Es tropfte Wasser von der Decke und der Gang war nicht gerade sehr groß, aber sie kamen gut durch. Uwe freute sich auf die leckeren Beeren und die Aussicht von der anderen Seite auf das Schloss und die Burg.
Hier war wirklich lange keiner mehr, so viel Matsch und Schlamm, den sie hinter sich ließen.
Und dann sah Uwe schon das Ende des Gangs. Ein kleiner Lichtpunkt am Ende deutete ihnen den Weg. Ben begann zu rennen und Uwe kam kaum hinterher. Als Erster stieg Ben aus dem kleinen Ausgang unterhalb des alten Anlegers auf der Seite von St. Goarshausen.
Auch Uwe bahnte sich den Weg frei und genoss erstmal den tollen Blick über den Rhein auf die andere Seite.

Wilhelmine und Günther suchten hingegen noch immer. „Es ist zum Verzweifeln!“ jammerte sie. „Wir finden keinen Eingang!“ – „Da, was funkelt denn hier?!“ fragte Günther aufgeregt.
„Das kann nur Uwe sein! Wie kommt er denn so schnell hierher? Sonst liegt er doch wie ein Sonnenanbeter stundenlang auf der Burgmauer.“ „Denk nicht soviel nach Günther, komm, lauf schnell dem Funkeln hinterher!“ entgegnete Wilhelmine. Beide eilten, so schnell sie konnten, unter den Anleger und riefen ihre Freunde. Ja, was war das für eine Freude, als sich alle vier wieder hatten. Sie hatten sich soviel zu erzählen, dass sie gar nicht merkten, wie es langsam dunkel wurde.
Ben machte den Vorschlag, eben ein paar Beeren zu pflücken, damit er ein großes Wiedersehens-Menü heute Abend auf der anderen Rheinseite für alle kochen konnte. So machten sie sich auf und packten so viele Beeren, wie so tragen konnten und krochen durch den Tunnel auf die andere Seite.
Ben machte sein Versprechen wahr und begab sich direkt an den Kochtopf.
Zur Feier des Tages zauberte Ben ein tolles Fünf-Gang-Menü, bei dem er ganz viele Ideen von seinen Beobachtungen verwirklichte, die er über das Dachglas des Schloss-Restaurants gemacht hatte. Sie saßen noch lange zusammen und erzählten sich von den erlebten Abenteuern. Am Ende vereinbarten alle, am nächsten Tag gemeinsam mit der Fähre auf die andere Seite zu fahren. Denn als Mitglied einer Gruppe von so guten Freunden beschlossen sie, vor nicht Angst zu haben und immer füreinander da zu sein.

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